Dieser Blog - geboren am absoluten Tiefpunkt meines Lebens, mitten im Burnout - ist seit über einem Jahr mein treuer Begleiter. Zunächst befüllt mit Eindrücken und Wahrnehmungen im Rahmen der Erkrankung wird er nun immer mehr zum Ausdruck dessen, was mich täglich so begeistert und bewegt - dazu gehört auch mein neuer Job in einer Outplacement-Beratung. Schön dass Ihr hier seid. Habt Spaß beim Lesen!!
Heute in meiner Beratungsstunde mit meiner Verhaltenstherapeutin:
Meine Therapeutin: Wann verspürten Sie in Ihrem Leben Leichtigkeit?
Ich: Leichtigkeit? Hm...was meinen Sie genau damit?
Meine Therapeutin: Das Gefühl, über nichts Kontrolle haben zu müssen. Sich einfach fallen lassen zu können. Das Gefühl, ganz leicht zu sein. Loslassen zu können. An nichts zu denken.
Ich: Ähm, ähhhhm. Ja..meinen Sie im letzten Jahr? Oder davor? Oder in meinen ganzen bisherigen Leben?
Meine Therapeutin: *Fragendes Schweigen*
Ich:*Denk*, *Denk*, *Denk*....ähhmmm....Leichtigkeit...ich kann mich leider an gar keine Situation erinnern.
Meine Therapeutin: *Lächel* Sehen Sie, daran werden wir arbeiten müssen.
Nachdem ich das Haus meiner Therapeutin verlassen habe, fühle mich schwach - irgendwie so, als hätte ich etwas verbrochen. Als hätte ich es schuldhaft verpasst, Leichtigkeit zu spüren. Auch wenn mir auch nach meiner Therapiestunde noch immer keine Situation der Leichtigkeit in meinem Leben einfällt, so bin ich mir sicher, es muss schon eine solche gegeben haben. Ganz sicher. Das hat doch jeder schon erlebt. Ich bin mir sicher, irgendwann vor Beginn der schleichend zunehmenden Erschöpfung, welche so weit ich es einschätzen kann im Jahr 2009 ihren Anfang nahm, muss auch ich einmal Leichtigkeit verspürt haben. Oder? Seit 2009 ist aber irgendwie alles ganz anders. Im Frühling 2009 als der Vater meines Freundes die Diagnose Leukämie erhielt, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einen ganz schweren Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Ich saß eines Nachmittags im Büro - der Tag war wie immer zu dieser Zeit sehr stressig als Personalentwicklerin - mein Freund hatte mir gerade telefonisch von der Diagnose seines Vaters erzählt. Ich hatte das Gefühl, an den Schreibtischstuhl gefesselt zu sein, nicht mehr aufstehen zu können. Wie benebelt, nahm ich wahr, wie mein Kollege mir Unterlagen zur Bearbeitung auf den Schreibtisch legte. Noch heute weiß ich nicht, wie lange ich wirklich dort saß - gefühlt waren es Stunden. Ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich, die sonst leistungsfähig und energiegeladen, ohne Bedenken regelmäßig die 10-Stundenmarke gebrochen hat, die Abende und Wochenenden zu hause auch oft mit Arbeit fürs Büro verbrachte - wohlgemerkt sogar sehr gerne - , ohne Probleme mit einem Dienstleister oder Mitarbeiter telefonieren konnte um parallel noch schnell die permanent eingehenden Emails zu beantworten, die während Meetings am Vormittag schon ihre bevorstehende Präsentation vom Nachmittag durchging und es dennoch schaffte, im Meeting nie den Faden zu verlieren und konstruktive Diskussionen zu führen. Und plötzlich saß ich da wie gelähmt. Unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Irgendwann muss ich mich aus dieser Erstarrung gelöst und Feierabend gemacht haben. Am nächsten Tag funktionierte alles so, als wäre gar nichts passiert. Ich war leistungsfähig wie eh und je. Dabei sollte es nur leider nicht bleiben....
Was wäre gewesen, hätte ich dieses Warnsignal bereits damal ernst genommen? Hätte ich den kompletten Zusammenbruch, die vollständige Erschöpfung vermeiden können? Fragen, die niemand beantworten kann. Vielleicht zum Glück. Auch ich nicht - bereits hier muss ich etwas für mich Neues machen - loslassen - aufhören zu grübeln, aufhören, mir Vorwürfe zu machen. Nach vorne schauen.